Eis bricht

RAIMON WEBER

Eis bricht 

DEUTSCHE GRAMMOPHON LITERATUR 

  

CD-Cover Eis bricht

“Henning saß dem Mörder seines Sohnes gegenüber. In einem Wohnzimmer, das mit jedem Detail der Einrichtung zeigte, dass Georges Schwester keine reiche Frau war. Der Schrank und selbst die orangefarbene Stereoanlage mit dem Plattenspieler schienen noch aus der DDR zu stammen. Die alte Frau hatte Henning eine Tasse Kaffee gebracht. Dabei hatte sie so stark gezittert, dass ein Teil der schwarzen Flüssigkeit auf den Unterteller geschwappt war. Danach war sie wieder in der Küche verschwunden. George ging zum Schrank, holte eine Packung Zigaretten aus der Schublade und setzte sich wieder auf die Couch. Er hinkte dabei, wie Henning feststellte.“

Henning Saalbach führt ein erfülltes Leben, er ist verheiratet und hat einen Sohn. Dann wird alles anders. Innerhalb von Sekunden zerstört ein Fremder sein Glück: Ein Mann dringt in das Haus der Familie ein und tötet den sechsjährigen Marc. Seit diesem Tag ist nichts mehr, wie es war, und nur der Gedanke an Rache hält Henning am Leben. Es bleiben ihm zwölf Jahre, um sich vorzubereiten. Auf den Tag, an dem der Täter entlassen wird. Doch dann beginnt Henning zu zweifeln: Wer ist Feind, wer Freund? Wer der Täter, wer das Opfer? Und schon ist er mittendrin in einem perfiden Spiel. Einem Spiel ohne Regeln. Und es hat gerade erst begonnen.

Wow! Das ist mal ein Hörbuch. Extrem spannend, ergreifend und einnehmend. Mit einem Thema, mit dem man sich als Elternteil lieber nicht beschäftigen möchte. Und dennoch, oder vielleicht auch gerade deshalb, hat mich dieses Werk in seinen Bann gezogen. Wie bei einem „richtigen“ guten Buch konnte ich es kaum erwarten, den Geschehnissen weiter zu lauschen, war wissbegierig und ungeduldig, wie es wohl weiter gehen wird. Ich habe mit den Personen mitgefiebert, gelitten und vor allem auch selber überlegt, wie ich entscheiden, wie ich handeln würde. Ich habe gehofft und gebangt, war hin und her gerissen – genauso wie die Hauptperson Hennig Saalbach.

Die Charaktere sind allesamt brillant gezeichnet. Man sieht sie vor dem inneren Auge, sowohl optisch als auch mit ihren ganz individuellen charakterlichen Eigenschaften. Weber versteht es einfach, Menschen in diversen, krassen Ausnahmesituationen darzustellen. Obwohl dem Hörer bereits ganz zu Anfang entscheidende Hinweise vorliegen, die der Hauptperson Saalbach fehlen, wird es niemals auch nur ein kleines bisschen langweilig oder vorhersehbar. Dank der unterschiedlichen Personen, die mit unterschiedlichen Schicksalen zu Recht kommen müssen oder diverse Beweggründe für ihre Taten haben, wird „Eis bricht“ zu einem kurzweiligen und spannenden Psychothriller, der einen sofort mitreißt.

Gelesen wird dieses Hörbuch von Erich Räuker – auch er ist ein Experte auf seinem Gebiet. Bekannt ist Räuker u.a. als Synchronsprecher in bekannten Serien und Filmen. Er verlieh bereits Richard Dean Anderson, Eric Bana oder Alec Baldwin seine Stimme. So er hat natürlich einen großen Anteil an der Stimmung dieses Hörbuches, denn schließlich ist er es, der, oftmals dank verstellter Stimmen, die unterschiedlichen Akteure dieser Geschichte „zum Leben erweckt“.

Der Autor Raimon Weber, der u.a. hinter diversen namhaften Hörspielproduktionen steckt, ist einfach Profi auf seinem Gebiet. Weber, 1961 in Unna geboren, veröffentlicht seit 1998 erfolgreich Krimis und Thriller. Seine Recherchen führen ihn auf hohe Schornsteine und in die geschlossene Forensik. Er trifft Serienmörder, lässt sich von Spezialisten über die fachgerechte Entsorgung von amputierten Gliedmaßen aufklären und kennt die unterschiedlichsten Tötungsmethoden. Er interessiert sich für die Psychologie der Täter und stellt sich immer wieder die Frage: Warum töten Menschen?

Daher ist es also kein Wunder, dass so ein beeindruckendes und vor allem so genaues Ergebnis dabei herauskommt. Bei Weber stimmt einfach alles. Das fachliche, wie das dramaturgische. Dies ist ganz, ganz großes Kino für die Ohren und trotz des harten Themas auch für die Seele, für den Menschen und für die eigenen Gedanken.

Atemlos und grandios gut!!!


17. März 2014